
VON Renate Voigt,
19.03.04, 17:28h, aktualisiert 18:02h
Mitteldeutsche Zeitung
Halle/MZ.
Acht Monate
sind seit Florians Tod vergangen, als Gabriele Gérard versucht,
wieder nach vorn zu blicken. "Meine Blickrichtung war rückwärts und
ich spürte zunehmend, dass diese Richtung nicht zurück ins Leben
führt, sondern weg vom ,Leben'." Ihr Sohn war, kurz vor seinem 24.
Geburtstag, in Dublin gestorben. Keine Krankheit, kein Unfall,
sondern der plötzliche, lautlose Tod: Herzstillstand. Als sie den
zitierten Satz schreibt, ahnt sie nicht, dass sie noch oft im Leid
versinken wird, dass Hoffnung auf inneren Frieden und tiefe
Verzweiflung lange in ihr widerstreiten werden.
Wenn ein naher Mensch gänzlich
unerwartet stirbt, wenn keine Zeit ist, sich von ihm zu
verabschieden, bleibt sein Tod lange unfassbar. Auch Gabriele Gérard
ist unfähig zu begreifen, was geschah, und spürt - ehe er später mit
unbeschreiblicher Wucht einsetzt - keinen Schmerz. Erst als Florian
beerdigt ist, bricht er über sie herein. In der Trauer um den Sohn
schreibt sie, um mit ihm im Gespräch zu bleiben und ihn in ihrem
Leben zu halten, Briefe an ihn.
Diese Briefe hat sie - um inneres
Gleichgewicht ringend - zunächst für sich geschrieben. Vermutlich
gab es mehrere Gründe, sie jetzt mit ihren Tagebuchnotizen aus
Florians Babyzeit und mit Briefen, die er ihr schrieb, zu
veröffentlichen. Gewiss auch den, dass es ihr wie wohl allen, die um
einen geliebten Menschen trauern, ein Bedürfnis ist, von ihm und dem
Schmerz zu sprechen, den sein Tod zufügt. Möglich auch, dass sie
darin oft zurückgewiesen wurde. Da sie auch Florian zu Wort kommen
lässt, wird ihre Trauer eher mitfühlbar.
Die meisten Briefe hat Florian
geschrieben, als er in Irland mit Behinderten arbeitete. Der Leser
lernt einen Menschen auf dem Weg zu sich selbst kennen, der
verantwortungsbewusst und einfühlsam mit anderen umgeht, der
glücklich ist, weil er "gelernt (hat) zu geben", der "Heimat weniger
in Orten als in Menschen" sieht. Seine Briefe sind gedankentief, und
ihr Stil beeindruckt. Sie belegen nicht nur eine enge
Mutter-Sohn-Beziehung, ihnen ist auch ablesbar, dass die Autorin
nicht vom Schmerz verleitet wurde, in Florian einen besonderen
Menschen zu sehen: Er war ein außergewöhnlicher junger Mann.
Trauernden beizustehen, mag ein
weiterer Beweggrund gewesen sein, ihr Innerstes bloßzulegen. Wobei
der Trost, den ihr Buch spendet, nicht allein darin liegt, dass ein
solcher Leser in Gabriele Gérard eine Leidensgefährtin findet, der
auch die Abgründe tiefer Verzweiflung nicht fremd sind. Ebenso
tröstlich ist die Erkenntnis, dass tief ins Lebensglück - ins Leben
- Einschneidendes auch von unterschiedlichen Menschen ähnlich
erfahren, angenommen und verarbeitet wird. Es scheint, das Leben
hält dafür Grundmuster bereit. So vermittelt das Buch: Trauernde,
die im Leid die Fassung verlieren, so, dass sie Fremde im eigenen
Leben werden, müssen nicht an sich zweifeln.
Auch sie empfindet körperlichen
Schmerz als wohltuend, weil er sich über den seelischen legt, auch
sie sieht Irreales im Realen, fühlt sich getrieben, "alles
wegzuwerfen aus diesem Leben, das nicht mehr mein Leben war", rettet
sich oft in hilflose Aktionen, um ihre Trauer zu leben. Aber die
Erfahrung, dass Verlust Magie ins Leben bringen, die Sinne öffnen
und "auf Pfade führen" kann, "die wir nie gegangen wären", hat sie
auch gemacht.
Nicht nur Trauernden, auch denen,
die Umgang mit Trauernden haben, sei dieses Buch empfohlen. Es gibt
Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der einen Verlust
verarbeiten muss und kann damit helfen, Verletzungen zu vermeiden,
zu denen es - ungewollt - oft kommt. Und sei es nur durch hilflose
Worte wie: Das Leben geht weiter! Ohne diesen einen Menschen geht es
eben nicht weiter; ein anderes, ärmeres Leben beginnt. |