Vollkommenheit ist
offensichtlich nicht dann erreicht,
wenn man nichts mehr
hinzuzufügen hat,
sondern wenn man nichts
mehr wegnehmen kann.
Und wenn ich dort lese, dass die Zahl elf die „stumme Zahl“ ist, dann
greift dies meine Gedanken auf, dass dies Jahr Zehn die ersten und sicherlich wichtigsten Jahre
der Trauer abrundet und nicht mehr viel hinzugefügt werden kann, was in diesen
Jahren nicht bereits gedacht wurde. Aber
versprechen kann und will ich dies nicht!

Ich zitiere zunächst aus meinem
Weihnachtsbrief an Florian:
Geliebter Florian,
…je mehr Zeit vergeht, je weniger ich mich gegen sie stemme, desto mehr habe ich die Rolle Deiner „Stellvertreterin“ eingenommen: Ich sehe und lebe für zwei – ich lebe Dein Leben in mir weiter – lasse Dich mit meinen Augen sehen und versuche, die Welt mit Deinen zu betrachten. Ja, vielleicht ist alles deshalb oft so schwer – gerade dann, wenn es so schön zu sein scheint. Aber, wie sonst soll ich Dich denn weiterleben lassen?Ich
habe es in den letzten Wochen ganz konkret werden lassen, Florian,
in dem ich „Bücher der Erinnerung“ angelegt habe
– Bücher aus unserem
vergangenen, gemeinsamen Leben: Bücher mit Deinen Fotos, Briefen,
Zeugnissen,
Reliquien Deines Lebens – bevor sie verloren gehen. Es war
Herzensarbeit – manchmal so schön, dass ich vor Glück
und Nähe zu
Dir mich von dieser Arbeit über viele Stunden nicht mehr
lösen konnte –
diese Nähe nicht loslassen wollte – und
manchmal, je näher ich unserem Abschied kam – so schwer, dass ich in Tränen
badete.

Ein wunderschönes
„Zufallsfoto“ von Florian
Marie von Eber-Eschenbach schrieb: „Beim Tode eines Menschen schöpfen wir eine
Art Trost aus dem Glauben, dass der Schmerz über unseren Verlust sich nie
vermindern wird“.
„Unser Leben ist ein Roman –nur in Bruchteilen von uns entworfen,
erdacht, die meisten Kapitel schreiben wir immer wieder um, Zufälle,
Zwangsläufigkeiten machen es notwendig.
Bestimmte Bilder werden wir niemals los, andere werden sich einstellen.
Die Seitenzahl bleibt ungewiss, entzieht sich unserem Willen. Am Ende steht
aber vielleicht ein gelungenes Werk, das von zerstörtem und wieder gefundenem
Glück erzählt, von der Weisheit, die das Unerwartete und auch der Schmerz
bereithalten können: Das Leichte ist ohne das Schwere nicht möglich“....
(Lea Berger)
Sein Leben mussten wir loslassen,
in unserem Leben halten wir ihn fest
Wir
müssen nicht lernen, „loszulassen“ – wir müssen lernen sein zu lassen - auch uns selbst
eines Tages - und mit den Jahren zieht
unser Wesen mehr und mehr auf die „andere Seite", was uns aber nicht dem
Leben abgewandt machen darf. Nie würden das unsere Toten wollen...
Man weiß nie, welche Kraft die Quellen des Lebens haben.
Doch leben heißt, die Mauern zu überwinden wagen,
die man vor sich selbst errichtet.
Heißt wagen, die Grenzen zu überschreiten,
die man sich setzt.
Leben heißt immer darüber hinausgehen
Wenn ich in den
Spiegel sehe, erschrecke ich oft. Ich bin alt geworden, älter als meine
Freundinnen, die das gleiche Alter – aber ein anderes Schicksal – haben. Ich
sehe
mein durchfurchtes
Gesicht, den Spiegel meiner Seele. Falten sind wie Narben und Narben erzählen
etwas. Sie erinnern an Menschen, an Orte, an Unglücke. Sie sind der Beweis
dafür, dass man eine Geschichte hat, der Beweis dafür, dass Verletzungen heilen
können. Narben sind überstandener Schmerz, Zeugnis von ertragenem Leid.

Ich hatte einen Streit,
die Tage vor Weihnachten waren voller Unstimmigkeiten und ich zog mich zurück..
wollte alleine sein mit mir, mit meiner Enttäuschung.
Ich ging in meinen
inneren Räumen auf und ab, unruhig, verwirrt, traurig und ich suchte nach dem
Raum, der mir meine Ruhe zurückbringen könnte… und mit einem Male war mir
unglaublich schmerzhaft bewusst, dass dieser Raum, der Raum des
Lichts, der Freude, der Vertrautheit leer steht.
Es ist der Raum, in
dem ich Florian besuchte, als er noch lebte.
Ich erinnerte dieses Gefühl, wann immer ich traurig war, mich etwas
irritierte, verärgerte, ich mich unverstanden fühlte, gekränkt - dann suchte ich diesen Raum in mir auf: dort
war mein Sohn, das Liebste, was ich auf dieser Welt hatte – und ich führte mit
ihm den inneren Dialog. Ich erzählte ihm und ich wusste jederzeit, dass ich ihn
erreichen könnte, würde ich es wollen. Meist reichte dieses innere Gespräch –
manchmal rief ich ihn an und wir sprachen miteinander. Auch, wenn er nicht immer Rat wusste – darum
ging es nicht. Es war die emotionale Sicherheit, die er mir gab. „Du bist da,
Florian, ich kann dich erreichen, wenn ich dich brauche, wenn mein Herz nach
dir ruft- dann bist du da“…
Dieses Aufsuchen
dieses inneren Raumes war so selbstverständlich
– und diese Leere zu spüren brach mir
heute fast das Herz. So deutlich ist mir seit langem nicht bewusst gewesen, wie
unbewohnt ich mich fühle - wie brach ein
Teil meines Inneren liegt – verwüstet und nichts, was dort wachsen kann.
Die Liebe zu meinem
toten Sohn hat andere Räume. Auch sie suche ich auf – auch dort führe ich das
Zwiegespräch – aber immer im Bewusstsein, dass Florian tot ist… Das ist nicht
vergleichbar mit dem Gefühl, das für immer verloren ging.

Ist nicht vorüber
Es wächst weiter
In deinen Zellen
Ein Baum aus Tränen
Oder
Vergangenem Glück
(Rose Ausländer)
„Es war eine lange,
beschwerliche Wanderschaft, bis wir endlich einen Ort relativer Seelenruhe
erreichen. Doch einmal angekommen, verspüren wir Erleichterung und Befreiung
von unserer größten Verzweiflung. Der
Tod eines Menschen, den wir liebten, ist nicht etwas, worüber man jemals
„hinwegkommt“. Doch wenn wir uns durch die Trauer durchgearbeitet haben, uns
Zeit gelassen haben, den Schmerz zu fühlen und unser Leben aus dieser
veränderten Perspektive betrachten, dann können wir endlich akzeptieren, was
uns widerfahren ist. Das ist das
Geschenk, das wir uns selbst gemacht haben, indem wir die Trauer angenommen
haben, sie durch gestanden haben, anstatt sie zu leugnen oder sie in etwas
verwandelt haben, das nicht existiert.
Wer vor seiner
Trauer davonläuft, wird niemals inneren Frieden finden. Doch weil wir uns
unserem Verlust gestellt haben, ist es uns nun möglich, ein Leben frei – oder
zumindest relativ frei – von innerem Konflikt zu leben. „Ich kann jetzt an sein
Grab gehen mit Blumen und mit Frieden im Herzen anstatt mit Blumen in der Hand
und Dornen im Herzen.
Weil ich mich
meinem Verlust ausgesetzt habe, ist es mir gelungen, Frieden zu finden. Wenn
auch noch nicht heute, so wird es mir doch eines Tages in der Zukunft möglich
sein, meinen Schmerz zu akzeptieren. Ich werde es mir zum Ziel setzen. Jetzt
beglückwünsche ich mich, dass ich so weit gekommen bin, die ganze Spannweite
der Gefühle und Zustände, die mit meiner Trauer einhergehen, zu ertragen.“
Carol Staudacher
Tage der Trauer,
Tage der Heilung

In diesem Raum ist
der Aufenthalt so beglückend, so voller Zuversicht und beruhigender Gewissheit
und das Erleben dort ist genauso intensiv und eindrücklich, wie zuvor der
Schmerz.
Solche Erlebnisse
sind Kraft zehrend und Energie spendend zugleich, und eine friedvolle
Erschöpfung macht sich breit.
Die Erinnerung an
das Durchlebte ist unauslöschbar. Dieser Prozess des Durchlebens wird sich
wiederholen, der Schmerz kommt wieder, stark und gut ausgeruht, die
Ahnungslosigkeit mit Schrecken zu überrollen, oder etwas weniger intensiv,
vielleicht sogar leise; er überschattet die Hoffnung; die Hoffnung durchbricht
die Macht des Schmerzes, lässt heilende Gefühle wachsen.
Jede Wiederkehr
kann etwas verändern, vielleicht etwas mildern.
Ich wünsche mir,
dass ich beides spüren kann, den Schmerz und die Hoffnung, mal mehr und mal
weniger stark. Und dass ich den Raum der Hoffnung immer finde oder mich an seinen Aufenthalt dort erinnere.
Wer Schmerz empfunden hat, hat Heilung
verdient.

Der Schmerz ist
noch immer da, aber im Laufe der Zeit zu einem melancholischen Fantasieren und
wehmütigem Heraufbeschwören von Bildern meines erwachsenen Sohnes geraten, zu
stummen Zwiegesprächen und entrückten Nachmittagen über Fotos und
Kinderzeichnungen. Nie wäre ich wunschlos glücklich, aber noch weiter entfernt
von Hoffnungslosigkeit. Ich werde leben,
reisen, höre Musik, lese Bücher und habe meinen geliebten Mann, meine Freunde
und meine Enkelkinder, auch wenn ich sie
nur als Leihgabe des Himmels betrachte.

(Wintu-Indianer)
Wir sind in unsren
Wänden gefangen, die vielleicht dünner sind, als wir glauben. Manchmal mauern
unsere Tränen die Fenster zu - manchmal
sind sie es, die die kleinen Tore öffnen, hinter denen dies andere Leben ist,
das uns verloren ging.
Aus der Zeit wollt
ihr einen Strom machen, an dessen Ufern ihr euch niederlasset, um ihn im
Vorbeifließen zu überwachen.
Doch das Zeitlose
in euch weiß um die Zeitlosigkeit des Lebens,
Und es weißt, dass
Gestern nur die Erinnerung an Heute ist, und Morgen nur der Traum von Heute,
Und das, was in
Euch singt und sinnt, immer noch verweilet in den Grenzen jenes ersten
Augenblickes, der die Gestirne in den Raum gestreut.
Khalil Gibran,Prophet, 47
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Auf
Flügeln der Morgenröte will ich dich tragen
ich werd bei dir sein auch an finsteren Tagen
ein wärmender Mantel will ich dir sein
sanft hüllt meine Liebe dich ein
und führt dein Weg dich durch steiniges Land
ich halte dich fest in meiner Hand
auch stürmische Meere erschrecken dich nicht
ich bin dein Segel im Sonnenlicht
und findest du nachts nicht Rast noch Ruh
mein Stern am Himmel funkelt dir zu
wenn Zweifel und Angst deine Seele beschwert
dann hab ich längst schon dein Rufen gehört
ich werde über und unter dir schweben
ich bin die Kraft in deinem Leben
so lange noch Himmel und Erden bestehen
werd ich nicht von deiner Seite gehen
zu jeder Stund und zu allen Zeiten
wird dies Vermächtnis dich begleiten.
Monika A.E. Klemmstein

„Der Tod ist
Ursprung und Mitte der Kultur“, schreibt Jan Assmann. „Der Tod und das
Bewusstsein der Endlichkeit gehören zum Leben, und auch die Hoffnung darauf,
dass etwas bleibt von der gelebten Zeit, so wie die Toten in Erinnerung bleiben
durch sichtbare Zeichen in Bild und Schrift, dass es nach der „Zeit“ etwas
gibt, eben „die Zeit danach“, in der die Lebenden für die Toten sorgen, ihnen
würdige Ruhestatten richten, die der Nachwelt vielleicht etwas über das Leben
und die Hoffnungen des Verstorbenen mitteilen“.
