„Gib
Worte deinem Schmerz. / Gram, der nicht spricht
presst
das beladne Herz / bis dass es bricht.“

Man muss den
Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist Austragen -
und dann
Gebären...
Reifen wie der
Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer
kommen könnte. Er kommt doch!
Aber er kommt
nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit ...
Man muss Geduld
haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich
darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.
Aus:
Rainer Maria Rilke: „Briefe an einen jungen Dichter“
Es ist einer dieser Tage, an denen dieses Bewusstsein, dass
nichts je wieder wird „gut“ sein, mein ganzes Sein erfüllt und mich in tiefe
Trauer und Sehnsucht stürzt.
Noch
immer kann ich mich nicht von den Dingen trennen, die seine
Hand berührt, sein Auge gesehen haben. Ich lege sie
sorgfältig zurück in Kartons und ordne sie neu in einem
großen Regal – Reliquien,
die Zeugnis geben über ein gelebtes, abgebrochenes Leben. Ich
fühle mich
zerbrechlich, spüre die Wunden, die nicht heilen wollen und
auch nicht heilen
sollen.
if
tomorrow never comes
will she know how much I loved her
did I try in every way
to show her every day
that she's my only one
if my time on earth were through
and she must face this world without me
is the love I gave her in the past
gonna be enough to last
if tomorrow never comes
Ich frage mich, warum Liebe meist mit Freude
gleichgesetzt wird, wenn sie doch ebenso gut alles andere ist: Überwältigung,
Balsam, Obsession, Vertrauen und Trauern. Sie ist die Erkenntnis, was man oft
nicht ist, aber sein könnte.
Ich lese Briefe aus den letzten
Jahren, vor allem auch die wenigen, wertvollen von Eimear. Ich stelle ein neues
Foto von ihr und Florian auf und hänge eine kleine Radierung, die sie mir
einmal geschickt hat, an die Wand: sie zeigt eine Frau, die sich über den vor ihr
knienden Mann beugt und die Arme schützend und behütend über seine Schultern
legt. Auch dieses Bild rührt mich zu Tränen. Wann mag es entstanden sein? Sind
dies die Dinge, die wie eine leise Vorahnung waren?
Eimear, wir haben
sie im Sommer in Irland getroffen – zum ersten Mal seit 7 Jahren und es war eine
berührend schönes Begegnung in ihrem Elternhaus, in dem Florian sich so wohl
gefühlt hat.
Wir trafen eine junge Frau, mit einem tiefen Strahlen und dem
vertrauten Humor; nicht sehr verändert – ein wenig älter, noch schöner, als wir
sie in Erinnerung hatten – Florian würde ihr zu Füßen liegen, war
mein Gedanke, als ich sie umarmte.. endlich in die Arme schließen konnte! Wie
oft habe ich mir dies Wiedersehen vorgestellt – und nun kam es völlig überraschend
– unerwartet und überwältigte uns.
“…In loving memory of Florian Gérard who’s gentle hand guides me through life…”
Mit diesem einführenden Satz beginnt eine Diplomarbeit, die
Eimear zum Ende des Jahres eingereicht hatte und die sie uns stolz zeigte. Ich
fühlte mich beinahe schuldig, je geglaubt zu haben, ihre Liebe zu Florian habe
geendet. Sie muss anders mit der Erinnerung umgehen als ich – aber sie ist es,
die mir obigen Song schickte.. Sie setzt ihre eigenen Zeichen der Treue und der
Loyalität – was für ein großes Geschenk – auch an uns.
Wir fühlten uns in diesem Jahr von Irland ganz besonders reich
beschenkt und die Begegnung mit Eimear bleibt mit Sicherheit das high-light
2007!
Dublin „Stairway to Heaven“
Im letzten Sommer habe ich die Buchstaben mit Florians Namen und
dem Tag seines Sterbens an dieser Stelle an die Schwelle geklebt –
und ich war berührt, sie dort noch immer zu finden.
Nicht,
dass ich weine Liebster, darf dich wundern,
Nur,
dass ich manchmal ohne Träne bin
Mascha
Kaléko
Auch, wenn es Tage wie den heutigen, mit einer großen, tiefen
Nähe und Verbundenheit gibt, bin ich mir doch bewusst, dass der Abstand
zwischen Florian und mir gewachsen ist und ich überdenke erneut das Wort
„loslassen“, vor dem ich mich so sehr gefürchtet habe in all den Jahren. Ich
habe keine Angst mehr vor diesem Wort, denn ich bin mir heute sicherer denn je,
dass es nicht um “Loslassen“ geht. Im Trauerprozess geht es nicht um das
Beenden der Liebe, sondern um ihre Transformation.. Die Trauer hilft bei dieser
Wandlung der Liebe zum Verstorbenen
Die Liebe reicht über den Tod hinaus
Auch wenn der Tod das Leben beendet hat - nie wird er die Liebe
beenden können... Er verändert nur die Beziehung. In der Liebe zu dem
Vorausge-gangenen lebt diese Beziehung weiter!
"Trauer ist nicht nur die Emotion des Abschieds, sondern
Trauer ist das Gefühl, das Hinterbliebenen hilft, eine neue Beziehung zum
Verstorbenen zu finden!.."(Roland Kachler, Meine Trauer wird dich finden).
In diesem Buch las ich, was ich selbst erlebte und erlebe,
nämlich, dass der Vorausgegangene bei den Lebenden bleiben kann.. Die Trauerarbeit als
kreativer Beziehungsprozess.. dies ist mein Ansatz, den ich – ohne dass ich
dies Buch kannte -- immer so verstanden und gelebt habe. Es geht in der Trauer
doch darum, mit dem Verstorbenen und nicht ohne ihn zu leben...Nicht das
Loslassen ist wichtig, sondern die Liebe zum Verstorbenen, die weiter reicht.
Ein Wort von Thornton Wilder - es ist so wunderschön.
"Was bleibt, ist die Liebe. Da ist ein land der Lebenden und
ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe - das einzig
Bleibende, der einzige Sinn".
Wie
sähe Florian heute aus?
Dein Bild begleitet
mein Leben und weicht
mir nicht aus der Seele
"Wenn ein Kind stirbt, weiß man, dass Raum und Zeit
Zustand sind, und man vermag nur zu knien, sein Kind im Sterben zu erreichen"
Elke Lasker-Schüler
Ich
lese weiterhin viel zum Thema „Trauer“ – habe diesem Thema mein Leben
verschrieben.
Und
dieses Akzeptieren ist – meiner Meinung nach – die Voraussetzung, sich dem
LEBEN zuzuwenden.. Den Tod aus dem Mittelpunkt an die Peripherie zu stellen ist
schwer aber es kommt mir immer seltener wie Verrat vor.
Der
Psychologe C.G. Jung hat für Trauer einmal den Begriff „Erinnerte Liebe“
geprägt und darum geht es in unserem Leben: Einen Raum zu schaffen für die
Erinnerung.
„Was
würdest Du wollen?“ frage ich Florian und ich kenne seine Antwort:
„…Wende dich denen zu, die deine Liebe, deine
Fürsorge und deine Wärme brauchen. Du hast mir alles gegeben, auch nachdem ich
das Erdenleben beenden musste: Du hast mir die schönste Ruhestätte gestaltet..
Du warst jahrelang täglich bei mir – und seit ihr mich der Erde übergeben habt,
brennt auf meinem Grab ein Licht – auch heute noch. Du hast gelitten und den
Kelch der Trauer getrunken bis auf den Grund… mehr ging nicht und erst als du
spürtest, dass jeder weitere Schritt dich aus dem Leben führen würde, bist du
umgekehrt und hast dich besonnen auf das, was blieb….“
Dies
ist die Botschaft, die ich in meinem Herzen höre: bleibe bei denen, die blieben
und wende dich denen zu, die hinzugekommen sind… wie unsere Enkelkinder, die
ich aus tiefem Herzen lieben gelernt habe.
Mein Haus sagt zu mir: „Verlass mich nicht, denn hier wohnt deine
Vergangenheit“.
Und die Straße sagt zu mir:
„Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft“.
Und ich sage zu beiden, zu
meinem Haus und zu meiner Straße:
„Ich bin weder Vergangenheit noch Zukunft.
Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem
Verweilen; und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang.
Nur Liebe und Tod ändern die
Dinge“.
Khalil
Gibran

Irland
2007
Ausblick:
Ich arbeite
nicht mehr. Die Kraft reichte nicht mehr für beide Leben. Nun
habe ich Zeit für mich, für meine Gedanken, für Projekte, die ich begleite,
leite – wie z.B. den „Garten der Sternenkinder“ auf unserem Friedhof
– nicht weit von Florians Grab entfernt. (www.efeu-ev.de)
Die Nacht wird nicht ewig dauern.
Es wird nicht finster bleiben.
Die Tage, von denen wir sagen,
sie gefallen uns nicht,
werden nicht die letzten Tage sein.
Wir schauen durch sie hindurch
vorwärts auf ein Licht,
zu dem wir jetzt schon gehören
und das uns nicht loslassen wird.“
Helmut Gollwitzer

Florians Grab im Oktober 2007 (Florians grave - october
2007)
Die Liebe eines
Menschen
Kannst du nicht
begraben,
sie mit Erde
zuschaufeln,
wie Urnenasche in den
Wind zerstreuen..
Die Liebe eines
Menschen
vervielfältigt sich
mit seinem Tod
unter den Lebenden
tausendfach.
Die Liebe kannst Du
nicht begraben.
(Hüsch)
Berlin,
im Januar 2008