Solang mein Herz schlägt, ist darin dein Grab

 

Vorüber

Was vorüber ist
ist nicht vorüber
Es wächst weiter
in deinen Zellen
ein Baum aus Tränen
oder vergangenem Glück

 

(Rose Ausländer)

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Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.

Ich bin nicht tot,

Ich tausche nur die Räume.

Ich leb in euch 

und geh in eure Träume

Da uns, die wir vereint

Verwandlung traf.

Ihr glaubt mich tot,

Doch dass die Welt ich tröste

Leb ich mit tausend Seelen dort

An einem wunderbaren Ort

Im Herz der Lieben.

Nein, ich ging nicht fort,

Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste

 

(nach Michelangelo)

 

 

Do not stand at my grave and weep,
I am not there, I do not sleep.
I am a thousands winds that blow
I am the diamond glint on snow
I am the sunlight in ripened grain
I am the gentle autumn rain.
When you awaken in the morning hush
I am the swift uplifting rush
of quiet birds in circled flight
I am the soft stars that shine at night.
Do not stand at my grave and cry,
I am not there, I did not die.
Stehe nicht an meinem Grab und weine
Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht.
Ich bin tausend Winde, die wehen
Ich bin der Diamantenglanz der auf dem Schnee 
Ich bin der Sonnenschein auf reifem Korn
Ich bin der sanfte Herbstregen.
Wenn Du aufwachst in des Morgens Stille
Bin ich der Flügelschlag der stummen Vögel
Die über dir ihre Kreise ziehn
Ich bin die sanften Sterne die nachts leuchten.
Stehe nicht an meinem Grab und weine
Ich bin nicht dort, ich bin nicht tot.

 

Wie ich Dich liebe
Wie ich Dich liebe? Laß mich die Weisen sagen:
Ich liebe Dich, so tief und breit und hoch
Wie meine Seele reicht und weiter noch
Ins Unermessliche, das wir kaum noch zu betreten wagen.
Ich lieb' Dich so, daß jeden Tag von meinen Tagen
Mich innigstes Verlangen zu dir bringt.
Ich lieb' dich rein, wie man ums Rechte ringt.
Ich lieb' dich frei, will nicht nach anderer Meinung fragen.
Ich liebe dich mit Leidenschaft, mit Tiefe,
Mit altem Kummer, frischer Kindergläubigkeit,
Mit einer Liebe, von der ich dacht', sie schliefe
Bei abgelegten Heil'gen. Ich lieb' dich in der frohen Zeit,
Mit Tränen und jedem Atemzug und riefe
Gern zu Gott: Ich lieb' ihn noch in Ewigkeit.
(Elisabeth Barrett Browning)

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"Mounting on high I begin to realize the
Smallness of Man's Domain.
Gazing into distance I begin to know
The vanity of the Carnal World.
I turn my head and hurry home
Back to the court and market;
A single grain of rice
Falling into the Great Barn"
(Chinese Verses, 643 v.Chr.)
Ich steige auf den Berg und erkenne,
wie klein des Menschen Welt ist.
In die Ferne schauend
Wird mir die Überheblichkeit (Eitelkeit)
unserer täglichen Welt bewußt
Ich drehe mich um und eile heimwärts
zurück zu Hof und Heim
Ein Reiskorn im Heu
(Chinese Verses, 643 v.Chr.)

Aus Florian`s Brief vom 6.12.1999

 

Was heißt Sterben?


Ich stehe an einem Ufer.
Ein Boot segelt in der Morgenbrise und steuert aufs offene Meer.
Es ist ein herrlicher Anblick, und ich stehe da, und sehe ihm nach,
bis es zuletzt am Horizont verschwindet und jemand neben mir sagt:
"Jetzt ist es nicht mehr da".
Nicht da? Wo dann? Nicht "da" für meine Augen, das ist alles...
Die Ferne und das Nicht-da-Sein sind auf meiner, nicht auf seiner Seite;
und gerade in dem Moment, da hier, neben mir, einer sagt:
"Jetzt ist es nicht mehr da", gibt's andere, die es kommen sehen,
und andere Stimmen rufen freudig aus:
"Da ist es!"
Und das heißt Sterben.

 

I carry you with me a ghost inside
I carry you with me so you are still alive
The bones we burried they feed the tree
But every word you spoke is still in me
And I will cry sometimes when the night is down
And I will raise my head up to the mountains
Talk to you and I fly
'Cause the spirit lives on
When the bodies die

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The Garden of Love

I went to the garden of love,

And saw what I never had seen:

A chapel was built in the midst,

Where I used to play on the green.

And the gates of this chapel were shut,

And Thou shalt not writ over the door;

So I turned to the garden of love

That so many sweet flowers bore,

 

And I saw it was filled with graves,

And tomb-stones where flowers should be –

And priests in black gowns wwere walking their rounds,

And binding with briars my joys and desires

 

(William Blake, 1794)

Der Garten der Liebe

 

Ich ging in den Garten der Liebe

Und sah, was ich niemals geschaut:

Eine Kirche war, wo im Grünen

Als Kind ich einst spielte, gebaut.

 

Und die Pforten waren verschlossen,

und Du sollst nicht stand über der Tür;

So wandte ich mich zum Garten

Und suchte nach Blumen wie früh’r.

 

Statt Blumen fand ich dort Gräber

Und Grabsteine um sie herum

Gingen Priester in Scharen in schwarzen Talaren,

Die spießten mit Stangen mein Glück und verlangen.

 

(William Blake, 1794)

 

Jeder Abschied erinnert mich an Deinen Abschied:

 

Ad Infinitium

Alle die fortgehen

Durch die Glastür auf Rollfeld

Durch die Bahnhofssperre

Die sich umdrehen winken

Deren Blicke zu Boden sinken

Deren Gestalten

Langsam undeutlich werden

Alle sind du.

Du steht bei mir

Wendest dich ab gehst fort

Wirst kleiner und kleiner

Seit wann

Seit den Tod mir am Halse hing

Mir die Kehle zudrückte

Stehst Du immer wieder bei mir

Wendest dich ab gehst fort

Den Bahnsteig entlang

Rollfeldüber

Wirst kleiner und kleiner

Stehst da

Wendest dich ab

Gehst -

 

(Marie Luise Kaschnitz)

 

 

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Engel-Nächte

 

Der Engel in der Nacht

bringt Licht ins Dunkle

macht die Finsternis hell.

Er zieht durch meine Träume

und löst mir die Fesseln,

wenn ich laufe und nicht weiterkomme.

Er beruhigt, wenn ich unruhig durch die Nacht hetze.

Er fängt mich auf,

in meinen tiefsten Tiefen

wenn ich falle und die Abgründe

bis in die Ewigkeiten reichen.

Er streicht mit seinen Flügeln

und sanften Händen

über meine Sorgenfalten.

Er entfaltet meine Gedanken

jede Nacht auf´s neue.

In meinem Gesicht kannst du es ablesen.

Der Engel der Nacht

hat mich umfangen

und entfaltet.

Ich bin

wie neu geboren.

 

(Michael Blum)

 

 

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Du lächelst 

um nicht zu weinen.

Du lächelst,

als würden lange noch

die guten Tage scheinen.

Deine Flügel glänzten

wie junge Blätter.

Dein Gesicht

war ein großer Stern.

 

Seitdem Du gestorben bist,

danke ich jedem vergehenden Tag.

Jeder vergangene Tag

bringt mich dir näher.

(Hans Arp)

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Für meinen Mann am 24.12.2001

Der Erde Antlitz

Der Erde Antlitz ist verwandelt, seit
Zuerst ich deiner Seele Tritt vernommen!
Ganz leise, leise bist du nah gekommen
Und stellt'st dich zwischen mich und alles Leid,

Du stellst dich zwischen mich auch und den Tod,
Da du den Tod durch Liebe überwunden!
In neuem Rhythmus ist mein Sein gebunden
Und selbst der Kelch der Schmerzen, den mir Gott

Zu kosten gab, mir süss und lieblich scheint,
Seit ich dich habe! Meine Heimat ist,
Mein Himmel, mein Geliebter, wo du bist,

Weil, bist du bei mir, nah und fern sich gleicht.
Und meine Lieder sind mir nur noch wert,
Weil stets dein Name darin wiederkehrt.

 

(Elisabeth Barrett-Browning)

 

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Einssein

 

Im Augenblick, in dem ich sterbe,

will ich versuchen, zu dir

so schnell ich kann zurückzukehren.

Ich verspreche, es dauert nicht lang.

Stimmt es nicht,

dass ich bereits jetzt bei dir bin,

da ich jeden Augenblick sterbe?

Jeden Moment kehre ich zu dir zurück.

Schau nur hin

und fühle meine Anwesenheit.

Wenn du weinen möchtest,

so weine nur.

Und du sollst wissen,

ich weine mit dir.

Die Tränen, die du vergießt,

werden uns beide heilen.

Deine Tränen sind auch meine.

Die Erde, auf der ich heute morgen gehe,

transzendiert die Geschichte.

Frühling und Winter sind beide da in diesem Augenblick.

Das junge und das abgestorbene Blatt sind wirklich eins.

Meine Füße berühren Todlosigkeit,

und meine Füße gehören dir.

Geht jetzt mit mir.

Laß uns eintreten in die Dimension des Einsseins

und den Kirschenbaum im Winter blühen sehen.

Warum sollten wir über den Tod sprechen?

Ich brauche nicht zu sterben,

um wieder mit dir zusammenzusein.

 

(Thich Nhat Hanh)

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                                                                    Indianisches Gedicht

 Es interessiert mich nicht, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst.

Ich will wissen, wonach du dich sehnst

und ob du es wagst, davon zu träumen, das Sehnen deines Herzens zu erfüllen.

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.

Ich will wissen, ob du es riskieren willst, wie ein Verrückter nach Liebe zu

suchen, nach deinen Träumen, nach dem Abenteuer, lebendig zu sein.

Es interessiert mich nicht, welche Sterne deinen Mond kreuzen.

Ich will wissen, ob du das Zentrum deines eigenen Kummers berührt hast,

ob du geöffnet wurdest durch die Treuebrüche oder verwelkt und verschlossen

aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich will wissen, ob du in Schmerz sitzen kannst, deinem oder meinem, ohne dich

zu bewegen, um ihn zu verbergen, zu schmälern oder zu fixieren.

Ich will wissen, ob du in Freude sein kannst, deiner oder meiner;

ob du ausgelassen tanzen und die Ekstase dich füllen lassen kannst bis zu

deinen Finger- und Zehenspitzen, ohne dich in Vorsicht zurückzunehmen,

realistisch zu sein oder die Schranken des Menschseins zu erinnern.

Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du erzählst, wahr ist.

Ich will wissen, ob du einen anderen enttäuschen kannst,

um dir selber treu zu bleiben,

ob du die Anklage eines Treuebruchs aushalten kannst,

ohne deine eigene Seele zu betrügen.

Ich will wissen, ob du vertrauen und deshalb auch vertrauenswürdig sein kannst.

Ich will wissen, ob du Schönheit sehen kannst,

selbst wenn es nicht jeden Tag schön ist,

und ob du die Quelle deines Lebens in Gottes Gegenwart finden kannst.

Ich will wissen, ob du mit Versagen leben kannst, deinem oder meinem und

immer noch am Ufer des Sees stehen

und dem silbernen Vollmond zurufen kannst: „Ja!“

Es interessiert mich nicht zu wissen, wo du lebst oder wie viel Geld du hast.

Ich will wissen, ob du, matt und zerschlagen nach einer Nacht in Kummer und

Verzweiflung, aufstehen kannst und tun, was für die Kinder nötig ist.

Es interessiert mich nicht, wer du bist, wie du herkamst.

Ich will wissen, ob du mit mir im Zentrum des Feuers stehen kannst

ohne zurückzuschrecken.

Es interessiert mich nicht, wo und was und mit wem du studiert hast.

Ich will wissen, was dich von innen stützt, wenn alles andere wegfällt.

Ich will wissen, ob du mit dir selber allein sein kannst und ob du wahrhaftig die

Gesellschaft deiner leeren Augenblicke liebst.

 

(Oriah Mountain Dreamer Indian Elder)