Irland 2002
		Ich finde mich in dir
		Ich trage deine Gedanken in mir
		und wiege sie sanft wie ein Kind.
		Daraus wächst und entwickelt sich unser Wir,
		das uns traumhaft und selig umspinnt.

		Mit deinen Augen betrachte ich staunend das Meer,
		mit deinen Ohren lausch` ich dem Wind.
		Und mit all meinen Sinnen spür ich so sehr,
		dass ich ohne dich taub bin und blind.

		Ich taste mich mit deinen Händen zum Licht.
		Mit deinen Füssen gelingt es mir, Wege zu wagen.
		Und im Spiegel erkenne ich, dass mein Gesicht
		und das deine gemeinsame Züge tragen.

 

17.8.2002 Ankunft in Dublin

Einer der ganz schweren Momente: den ersten Schritt in dieses Land setzen, im Bewußtsein, daß niemand 
da sein wird,  der uns abholt ...
Der magische Augenblick, einer der schönsten in jenem fernen Leben: Florian’s Gesicht unter den 
Wartenden zu suchen, zu finden und die Freude in seinen Augen in der Sekunde des Wiedererkennens – 
schon alleine für diesen Moment lohnte es sich, nach Irland zu fliegen....
 
Nein, wir wissen, daß er nicht da sein wird und dennoch – als könne das größtmögliche Wunder geschehen ... 
wandern meine Augen suchend über die Gesichter der Menschen – Nein, er ist nicht unter ihnen und ich 
wische die aufsteigenden Bilder aus meinem Geist.

Wir haben die Rose, die wir vor der Abreise im Garten pflückten, auf dem Flughafen verloren...und so 
steuern wir den ersten Blumenladen in Dublin an... eine weiße Rose für Florian!

Ich bin voller Anspannung: unsere erste Fahrt in Dublin führt zu Florian‘ letzter Adresse: Grosvenor Square 
in Rathmines, dem Haus, in dem er lebte und in dem er starb – einer meiner beiden „heiligen Orte“ auf 
dieser Welt.

Als wir in die Leinster Road einbiegen, sehen wir Eimear.. Wir erkennen sie beide sofort – an ihrem Gang. 
Ich drehe mich im Auto nach ihr um. Dies ist eine junge Frau, ich erkenne die Gesichtszüge, sehe die 
Veränderungen, das Kindliche ist verflogen... Ein Moment der Unsicherheit: sollen wir anhalten? 
Wir entschließen uns, auf unsere Verabredung mit ihr am nächsten Tag zu warten... jetzt fahren wir 
zu Florian – und sie wohnt doch nur im Haus nebenan!
Eine junge Frau öffnet uns die Tür. Mit ein paar Worten sage ich ihr, weshalb wir kommen und sehe ihr 
Erschrecken. 
„Stairway to Heaven“. Ja, nun sitzen wir erneut nach beinahe zwei Jahren an diesem Ort, auf der Treppe,
auf dem dichten tiefroten Teppich, an dem Ort, an dem Florian’s Leben endete. Die Wand, auf die er seine 
letzten Blicke warf ist in einem warmen Gelb gestrichen. Es scheint neu gestrichen worden zu sein... 
ich finde die winzig kleine Inschrift, die Eimear in die Fußleiste schrieb nicht mehr. Ist dies noch der
Teppich, über den meine Hand sanft fährt.....
Ich spüre, wie ein tröstender Schleier sich über mein schmerzendes Herz legt und ein weiterer folgt, um
mich zu schützen, zu wärmen. Hans-Jürgen ist da. Eng sitzen wir bei einander, verbunden in der 
Unfaßbarkeit dessen, was an diesem Ort geschah! 


                             Rest in peace, free spirit – rest in eternal peace my son!


Rathmines: dieser Stadtteil ist so lebendig wie die ganze Stadt.  Wir tauchen ein, gehen ab sofort in 
Florian’s Spuren... Ob er in diesem Café, in dem man uns mit ..„How your you folks“.... begrüßt, auch 
einmal saß? Sahen seine Augen all das, was unsere nun gerade sehen und entdecken? 
War dies seine Bank auf der anderen Straßenseite? 
 
„Florian sieht die Welt nun durch unsere Augen“.... und ich beschließe, den Blick, der noch immer 
tief nach innen gerichtet ist, auf all das zu lenken, was Irland in den kommenden beiden Wochen 
für uns bereit hält....
 
Unseren ersten Abend und die Nacht verbringen wir bei Patricia und Sandra etwas außerhalb von Dublin 
und es tut gut, in diesem gemütlichen kleinen Haus zu sein, mit diesen beiden wundervollen Menschen, 
die uns mit offenen Armen empfangen. Sandra war ein Jahr lang mit Florian im American College. 
Wir trafen sie, als wir von der Universität die Gedenktafel erhielten und einige der Studenten, die Florian
kannten, darum gebeten hatten, mit uns über seinen Tod sprechen zu dürfen..Heute ist es leichter, 
über diese Zeit zu sprechen, heute können wir sogar gemeinsam lachen....Sandra hat Florian sehr 
bewundert, seine Ernsthaftigkeit, mit der er studierte, seine Leidenschaft für das Lernen, die sie nicht 
teilen konnte.... „He was always so organized. He had all his books with him and everything we needed – 
while I had only some sheeets of paper in my pocket..... and he was so good in all subjects“....
Für ihr nun beginnendes Studium in Cambrigde versprach sie, von Florian lernen zu wollen: 
Nun ist er ihr Vorbild! Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihm spricht – und wir sehen uns dankbar an.... 
Spuren!

Die Begegnung mit diesen beiden Frauen ist ein guter Start: wir lachen mit ihnen, hören ihnen zu und
genießen es, in die Sprache einzutauchen, die Florian`s zweite Muttersprache wurde...
Wir genießen ihre wärmende Gegenwart und fallen spät in einen tiefen, erholsamen Schlaf
 „You are always welcome in our house – we are friends!“

 

18.8.2002

Wieder empfängt uns ein blauer, wolkenloser Himmel. 

Unser erster Weg führt zurück nach Dublin. Temple Bar. Wir schlendern durch dieses Viertel, das wir  im
November 2000 bei unserer kurzen Mission entdeckt haben. Schon jetzt, am vormittag sind die Straßen 
voller Leben, die Cafés gefüllt und aus den Pubs dringt bereits life music. Wir fragen uns ob hier überhaupt
jemand schlief letzte Nacht. Die Liffy fließt unter uns, träge und schmutzig, als wir die Half-Penny-Bridge 
überqueren.

Meine Augen sehen, mein Herz und mein gesamter Körper fühlen sich an wie Blei.

Florian müßte uns begleiten, uns sein Dublin zeigen.... Warum ist er nicht hier, warum, warum
Es fällt schwer, den Blick nicht wieder nach innen zu kehren....“You will see through our eyes now....“ 
ich habe es ihm versprochen und ich habe meine Versprechen stets gehalten....

Heute Abend sehen wir Eimear – oder doch nicht? Ich glaube nicht so recht daran, spüre aber eine 
große Vorfreude... und dann ist mir wieder bang, was ist, wenn sie der Mut verläßt? „Meinst Du, wir
werden Eimear wirklich sehen heute abend?“  frage ich Hans-Jürgem immer wieder hoffend, daß er meine 
Zweifel zerstreuen kann. Ja, er glaubt fest daran.
Wir beziehen unser B+B „Clara House“  - hier kennen wir uns aus. Zwei mal haben wir 2000 hier gewohnt
und es tut gut, diesen Ort der Wiedererkennung zu haben. Wir ruhen uns aus, meine Gedanken wollen
nicht zur Ruhe kommen... Wird Eimear da sein? Wird sie flüchten, wegtauchen, wie ich es befürchte? 
Ich möchte sie anrufen, mich rückversichern, finde ihre Nummer nicht – und Hans-Jürgen beruhigt mich..
sie wird schon da sein! Ich mache mich schön  - für Eimear. Ich freue mich auf sie, ich bin gespannt; 
fast genau zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen....zuletzt als wir Florian zu Grabe trugen.
 
Um 18 Uhr betreten wir Swan Center, die Passage, in der ihr kleiner Laden liegt. Er ist geschlossen, 
Eimear ist nicht da! Meine Befürchtungen sind eingetroffen – sie ist geflüchtet, hat den Laden vorzeitig  
geschlossen, sie wird nicht kommen, sie will uns nicht sehen und ich kämpfe gegen die aufsteigenden 
Tränen, die Enttäuschung, die  wie ein lähmendes Gift durch meinen Körper  fließt.... und wir setzen 
uns auf eine Bank und ich rufe Eimear an. Sie hört meine Stimme, bricht in Tränen aus 
„Gabi, I cannot see you. All my grief comes back“.... 
Ich habe es geahnt und unter Schluchzen erzählt Eimear, daß es ihr, je näher unsere Verabredung kam, 
immer schlechter ging... Ja, wir bringen Florian mit.... und sie dachte, um so vieles weiter zu sein in 
ihrem Prozess der Trauer... 
Sie ist erschüttert und ich empfinde ein tiefes Mitleid mit ihr... Nein, wir wollen sie nicht belasten, wir 
wollen, daß sie glücklich wird und glücklich ist, nein, wir sind nicht böse auf sie, wir sind nicht böse....
Ich tröste Eimear, so gut ich es kann und ich versuche, sie zu entlasten. 

Vielleicht wird sie es niemals schaffen, uns zu sehen – denke ich, als wir – beide traurig zu unserem  B+B 
zurückkehren. So sehr es auch schmerzt, wir haben ein tiefes Verständnis und es hilft uns – zunächst 
zumindest, mit der Enttäuschung zurecht zu kommen. 

Wir verlassen Rathmines für diesen Abend, ertragen beide das Wissen um die Nähe zu Eimear nicht und 
finden ein hübsches italienisches Restaurant. Hier wollten wir mit Eimear essen....Alles erscheint mir laut 
an diesem  Abend, das Lachen der Menschen um uns herum schmerzt und ich wünsche mir, es würden sich 
heilende Schleier über mein wundes Herz legen...

In der Grafton Street zieht es uns in ein wunderschönes großes Café und noch einmal tauchen wir ein in 
die Menschen dieser Stadt, die wir lieben gelernt haben und eine große Tasse heißer Schokolade wärmt 
ein wenig ... Ich möchte Dublin schnell verlassen... 

 
Ich finde keinen Schlaf und höre in die Nacht hinein. Ich weiß, daß Eimear nur einige hundert Meter von 
uns entfernt ebenfalls wach liegen wird... Ihre Träume wurden genau so zerschmettert wie unsere... 
Ich vermisse Florian so sehr – mit jeder Faser meines Wünschens möchte ich ihn hier haben, hier wissen, 
dort bei Eimear und ich höre die Glocken der Kathedrale von Rathmines  und ich weiß in diesem Moment, 
daß Florian eben diese Schläge auch gehört und gezählt hat, wenn er nachts nicht schlafen konnte. 
Ich möchte dieses Läuten der Glocke als etwas Verbindendes nicht Trennendes erleben, aber der Schmerz
ist so allumfasend, so lodernd... und die Trauer und die Verzweiflung umhüllen mich wie in ein dicker Mantel:
 – „Du bist Dort und ich bin Hier“... und der Schlaf wird zu einer Erlösung!
 
19.8.2002


Sonne! Wir können es kaum glauben, als wir unsere dicken, geblümten Vorhänge zur Seite ziehen. Mein 
Körper schmerzt, die wärmenden Strahlen erreichen mich nicht Ich bitte Hans-Jürgen noch einmal um den 
Grosvenor Square zu fahren, noch einen Blick möchte ich werfen auf die rote Tür von Nr. 50....


Als wir in die Straße einfahren bricht der Damm in mir und ein  Schluchzen schüttelt mich: ... 
Ich möchte weg von hier. Florian ist zu nah – der lebendige Florian, es ist nicht zu ertragen, die Bilder 
machen mich blind!

 

Irland 2002
Aus Anam Cara
John O'Donohue

An dem Tag, an dem
die Last auf deinen Schultern
unerträglich wird
und du strauchelst,
möge die Erde tanzen,
dir das Gleichgewicht wiederzugeben.

Und wenn deine Augen
hinterm grauen Fenster
zu Eis erstarren
und das Gespenst des Verlustes
sich in dich einschleicht,
möge ein Schwarm von Farben,
Tiefblau, Rot, Grün
und Azur, herbeikommen,
dich auf einer A der Freude
aufzuwecken.

Wenn die Leinwand der currach *
Des Denkens spröde wird
Und ein Fleck Ozean
Schwarz unter dir wächst,
möge ein Pfad gelbem Mondlichts
sich über die Wellen legen
dich sicher ans Ufer zu führen.

Möge Nahrung der Erde dein sein,
möge Klarheit des Lichts dein sein,
möge das Wasser des Ozeans dein sein,
möge der Schutz der Ahnen dein sein.

Und möge ein sanfter
Wind diese Worte
Der Liebe um dich schmiegen, wie einen
Unsichtbaren Mantel,
der dein Leben behüten soll.

* irisches Fischerboot

      
   Strand in Castlegregory
Connemara's Wiegenlied


Auf den Schwingen eines Sturms über das dunkle 
tosende Meer
Kommen Engel, um über Deinen Schlaf zu wachen.
Engel kommen, Dich zu beschützen,
also lausch dem Wind, der über das Meer heranzieht.

Hör' den Wind rauschen, mein Liebes, hör' 
den Wind rauschen
Leg' deinen Kopf zurück und hör' den Wind rauschen.

Die Curraghs segeln ins Blaue,
Sie jage den Hering in seinem silbernen Glanz,
Silbern der Hering und silbern die See,
Bald sind sie Silber für mein Liebes und mich.

Hör' den Wind rauschen, mein Liebes, hör' 
den Wind rauschen
Leg' deinen Kopf zurück und hör' den Wind rauschen.

      
                           Irland 2002
Traumland

die Gedanken sind geflogen
Silbervogel ins Land der Träume

Sonne geht auf in meiner Seele
helles Licht der Illusion

immer wieder wach' ich auf
schenk' den Traum an die Erinnerung

doch ein kleiner Teil von mir
wird im Traumland ewig bleiben

Wenn ich meine Gedanken auf Reisen schicke,
dann kann ich in andere Rollen schlüpfen,
dann kann ich an anderen Orten sein.
Diese Orte müssen nicht reell existieren.
Und doch sind sie ein Teil von mir.
So sein zu dürfen, nenne ich Freiheit. 

      
                     Strand in Castlegergory

      
Niemand ist wie Du

Niemand hat Deine Fingerabdrücke. 
Niemand hat Deine Stimme. 
Niemand sagt so "Ich liebe Dich" wie Du, 
niemand glaubt wie Du. 
Niemand denkt so ans Sterben wie Du. 
Niemand hat Deine Geschichte. 
Niemand spürt die gleiche Trauer, 
das gleiche Glück wie Du. 
Niemand ist wie Du. 
Niemand in Deinem Land, 
auf Deinem Kontinent, 
auf dem dritten Planeten dieses Sonnensystems, 
in der Galaxie, die wir die Milchstraße nennen. 
Niemand. 
Weil Du einmalig bist." 


(Ulrich Schaffer)

      
Gesang der Geister über den Wassern


Des Menschen Seele 
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, 
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen, 
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann sträubt er lieblich
In den Wolkenwellen
Zum glatten Feld,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen 
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bett
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See 
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Und ist der Welle
Lieblicher Buhler:
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

J.W. von Goethe	

      
 

Ich bin ein Boot

ohne Wind

Du warst der Wind

Ob ich in deine Richtung wollte?

Wer fragt nach Richtung,

wenn er so einen Wind hat

                        Olav H Hauge

 

 
Irland 2002, das war nicht nur der Schmerz um die ewige Abwesenheit von Florian.
Irland hat uns mit seinen Landschaften, seiner Melancholie, seinen wundervollen
Menschen einmal mehr fasziniert und tiefe Eindrücke in unseren Herzen hinterlassen.
 
In Irland sind sich Himmel und Erde so nah wie nirgendwo sonst auf der Welt.
 
Die Gedanken wurden frei, alle Horizonte verschwanden, ein Gefühl tiefer innerer
Ruhe überkam mich dort am Meer, dort am Strand von Castlegregory, wo wir einst
mit Florian waren... und die Bilder schmerzten nicht mehr, sie durften in mir entstehen,
sie bewohnten mich und ich konnte in ihnen blättern: voller Liebe und Dankbarkeit,
diese Zeitspanne mit meinem Sohn gehabt zu haben. Eine tiefe Verbundenheit mit
Hans-Jürgen, der diese Empfindungen teilen konnte durchflutete mich mit einer 
Zuversicht, die ich selten zuvor gespürt hatte: Wir werden es schaffen, Florian,
wir versprachen es ihm dort in seinem Land. 
 
			   *******
"Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft von der Welt.
Schaut diese Landschaft genau an, damit ihr sie 
sicher wiedererkennt, wenn ihr eines Tages 
durch Irland reist. Und wenn ihr zufällig da vorbeikommt, eilt nicht weiter,
ich flehe euch an – wartet ein bißchen – gerade unter dem Stern! 
Wenn dann ein junger Mann auf euch zukommt,
wenn er lacht, wenn er goldenes Haar hat,
wenn er nicht antwortet, so man ihn fragt,
dann werdet ihr wohl erraten, wer es ist.
Dann seid so gut und laßt mich nicht weiter so traurig sein: schreibt mir schnell
wenn er wieder da ist.....“
 
(Nach: A. Saint-Exupéry: Der kleine Prinz) 
 

    

 
Wenn in Irland jemand stirbt, sagt man: Tá sí ar a cailleadh
was übersetzt heißt: "Sie ist in ihrem Verlieren"...
Wie gut verstehe ich heute solche Sätze.
 			    	    ****
Eine schöne alte Geschichte aus der irischen Provinz Monster berichtet...
 
Ein Mensch war gestorben und seine Seele schickte sich an, das Haus zu verlassen und 
ihre Rückreise in die ewige Welt anzutreten. An der Tür angekommen hielt sie kurz inne,
um dem nunmehr leeren Körper einen letzten Blick zuzuwerfen, kehrte dann doch noch 
einmal zu ihm zurück. Sie küsste ihn und sprach zu ihm. Die Seele dankte dem Körper 
dafür, dass er sie auf ihrer Lebensreise so freundlich beherbergt hatte und überhaupt so 
gut zu  ihr gewesen war.

                                                                       ****

 
Anam Cara	(John O'Donohue)
 
AnamCara = Seelenfreund In der keltischen Überlieferung finden wie eine tiefe Einsicht in das Wesen 
der Liebe und der Freundschaft. Eine besonders schöne traditionelle Vorstellung ist in diesem Zusammen-
hang der Begriff der "Seelen-Liebe"; der alte gälische Ausdruck hierfür ist Anam Cara.
Anam bedeutet "Seele" und Cara "Freund". "Anam Cara war in der keltischen Welt also der Seelenfreund. 
In der frühen keltischen Kirche wurde jemand, der für einen als Lehrer, Gefährte oder spiritueller Mentor 
fungierte, Anam Cara genannt. Ursprünglich war der Anam Cara der Mitbruder, mit dem ein Mönch seine 
elle teilte, bei dem er die Beichte ablegte und mit dem er alles besprach, was ihn bewegte.
Dem Anam Cara konnte man sein Innerstes, seinem Geist und sein Herz offenbaren. Diese Freundschaft 
war ein inniger Akt der Anerkennung und der Zu-Wendung. Die Beziehung zum Anam Cara war eine Freu-
schaft, die sich über alle Grenzen der Konvention, Moral und begrifflichen Kategorien hinwegsetzte:
Anam Cara, wurde auch gelebt zwischen Mann und Frau, in der höchsten spirituellen Form, zwischen Krieger
und Kriegerin, Priester und Priesterin in unauflöslicher Form. Man war auf eine urtümliche und ewige Weise 
mit dem "Freund seiner Seele" verbunden.
Der keltische Begriff von der Seele war und ist durch keinerlei zeitliche oder räumliche Kategorie einge-
schränkt. Es gibt keinen Käfig für die Seele. Die Seele ist ein göttliches Licht, das in uns und in unseren 
Adern hineinfliesst. Diese Kunst des Zugehörens erweckt und förderte eine innige, ganz besondere 
Freundschaft.
Der spätrömische Kirchenschriftsteller Johannes Cassianus bezeichnet dieses Freundschaftsband in seinen 
"Bekenntnissen" als unauflöslich": "Dieses, sage ich, wird durch keinerlei Zufälle zerbrochen, durch keinerlei 
zeitliche oder räumliche Trennung gelöst noch zunichte gemacht und dauert selbst über den Tod hinaus.
 


Jeder von uns hätte einen Anam Cara, einen Seelenfreund, sehr nötig. Eine solche Liebe schenkt uns das 
Bewußtsein, verstanden zu werden und zwar so wie wir sind, ohne Masken oder Verstellungen. Die Liebe 
gewährt dem Verständnis zu erwachen, und Verständnis ist wertvoll. Wo wir uns verstanden wissen, da 
sind wir zu Hause. Verständnis fördert die Zugehörigkeit. Wenn wir uns wirklich verstanden fühlen, können 
wir unser Selbst bedenkenlos der Seele unseres Gegenüber anvertrauen.
Es gibt einen Vers von Pablo Neruda, der im Kern einer solchen Beziehung ruhende Erkenntnis sehr schön 
zum Ausdruck bringt: "Niemandem gleichst du, weil ich dich liebe." Diese Kunst des Liebens enthüllt 
die besondere, geheiligte Identität des Anderen.
Die Liebe ist das einzige Licht, das die geheime Signatur der Individualität und der Seele des Anderen lesen 
kann. In der Welt des Ursprungs ist niemand sehend außer der Liebe; nur sie kann Identität und Bestimmung 
erkennen. Die Liebe ist also alles andere als sentimental. Tatsächlich ist sie die realste und kreativste Form 
des menschlichen Daseins überhaupt. Die Liebe ist die Schwelle, an der die göttliche und die menschliche 
Gegenwart unaufhörlich ineinander ebben und fluten.
 
Auszug aus: Anam Cara, Das Buch der keltischen Weisheit Autor: John O'Donohue
 
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