Irland 2003

 

19.8.2003 Ankunft in Dublin

Irland, wir sind da – endlich! „Partly cloudy and 15°“ wurden uns im Flugzeug angekündigt und so nehmen wir den frischen Wind, der uns auf dem Rollfeld empfängt, gerne entgegen. Ein erster schwerer Moment ist die Ankunft in der arrivals hall. Ich nehme mir vor, einfach hindurchzugehen, vorbei an den Wartenden und Suchenden -  und schaffe es nicht. Meine Augen huschen entlang der Absperrungen, suchen dort bang - und voller Schmerz weiß ich doch, dass ich das Gesicht, das uns früher strahlend hier erwartete, nicht finden werde.

Mein Herz krampft sich zusammen – „Florian ist nicht hier – Florian wird nie wieder auf dich warten...“ und ich eile und ich will diesen Moment der Ankunft nicht länger ertragen.

Wir nehmen unser Auto in Empfang, die Karte von Dublin liegt auf meinen Knien – oft sind wir nun diese Strecke schon gefahren – Rathmines unser erstes Ziel; Florians Straße, Florians Haus, die Treppe!

Wir klingeln und es öffnet eine junge Frau. Wir sagen, unser Sohn habe hier gelebt, wir würden nur einen Moment im Haus sein wollen – wie soll sie verstehen? Und dann steigen wir die Treppe hoch bis zu der Stelle, auf der Florian zusammenbrach.

Ich spüre, dass etwas anders ist dieses Mal. Ich spüre einen tiefen Wunsch, diesem Ort, diesem Stück Teppich auf dem Absatz zwischen den beiden Treppen ganz nah sein zu wollen.

Ich lege meine Blumen nieder, die ich im Garten zu Hause geschnitten habe – dort an die Stelle in der Ecke, wo ich in meiner Vorstellung Florians Kopf liegen sehe und ich setze mich auf diesen Teppich und strecke die Beine aus auf der Stelle, an der sein Körper lag als sein Sterben begann und meine Augen schauen auf die Wände, auf die seine letzten Blicke gefallen sein mögen und mein Herz es birst in Millionen Stücke und Weinen schüttelt mich und eine unaussprechliche Trauer umfängt mein ganzes Sein. Ich möchte mich einhüllen in diesen Teppich, ich möchte mit ihm verschmelzen, diesen Ort niemals mehr verlassen müssen...Zum ersten Mal bin ich innerlich nicht mehr erstarrt, abgeschnitten von mir selbst.. Ich kann spüren, was hier geschah, ich habe den Mut, den Schmerz zuzulassen und zu ertragen und trotz allem Leid und dieser lodernden Pein in mir und ich unendlich froh und dankbar, endlich wieder hier sein zu können, an dem Ort, an dem mein Sohn dieses Leben verließ, an dem Ort der mein Leben für immer völlig veränderte: Stairway to Heaven!

Ich erzähle Florian von unserem Buch; hier an diesem Ort möchte ich ihm davon berichten und während ich mit ihm spreche, streicheln meine Hände über den Boden, erfassen Zentimeter für Zentimeter dieses heiligen Ortes. Drei Jahre? Nein, mir ist, als seien nur Wochen vergangen und zugleich spüre ich doch, durch wie viel Trauer ich bereits gegangen bin, wie viele unbekannte Tore ich aufstieß und ich ahne erneut, dass dieser Weg niemals endet.

Hans-Jürgen ist bei mir. Er ermutigt mich, zu bleiben, sitzt auf der Treppe und unsere Gedanken sind verbunden und Worte nicht nötig. Erschöpft und kraftlos verlassen wir das Haus. Hanni stützt mich und das Licht blendet... Wie lange die Blumen wohl liegen werden?

 


Rest in Peace
 

 

Für den Sohn der Erde ist der Tod auf Erden das Ende.
Für ein Kind des Geistes aber ist der Tod
Nur der Beginn eines sicheren Triumphes.

Khalil Gibran
(Ideen, 45)

 

Eimear ist nicht in Dublin. Sie ist noch in Spanien und kommt erst ein einigen Wochen zurück. Es ist leichter, dies zu wissen, keine Erwartungen zu haben, die enttäuscht würden. 

Ein Blick zurück auf das Haus, ein sicheres Wissen, wiederzukommen macht es leichter, mich der Realität zuzuwenden.

Alles hier in Rathmines atmet Erinnerung. Es sind Florians Schilderungen am Telefon, so lebendig und ausführlich, dass uns ist, als hätten wir ihn hier begleitet. Wir hatten nicht mehr die Zeit, Dublin zusammen zu erleben aber Florian hat uns so viel hinterlassen. Wieder einmal werden wir uns dessen bewusst.
 

Das gleiche Café wie beim letzten Mal, der selbe freundliche, junge Kellner, dessen blondes, langes Haar, in einem Zopf zusammengehalten an  Florians Haare erinnern... War mir das beim letzten Mal nicht aufgefallen? „Hey folks“ begrüßt er uns strahlend und nennt uns „friends“ und nun wissen wir endgültig, dass wir in Irland angekommen sind!

Die Sonne hinter der großen Glasscheibe blendet. Meine Seele und meine Augen sind wund und doch kommt diese Energie zurück, die ich hier stets spüre. Ich will mich öffnen, alles sehen, hören, sinnlich erfahren, was ich denke, dass Florian es einst erlebte. Dies gibt mir die Kraft und den Mut, mich diesem Land immer wieder zuzuwenden.

Wir schlendern durch die Hauptstape, Rathmines Road und wieder fällt uns auf, wie viel junge Menschen hier leben, wie bunt das Straßenbild ist, wie ärmlich jedoch die Häuser, grau schmucklos und doch atmet die Gegend nicht Armut – vielleicht Bescheidenheit.

Die große katholische Kirche lädt die  Sünder ein, einzutreten. Über dem riesigen Portal die Statue der Mutter Gottes mit Jesus auf dem Arm und ich spüre erneut, dass dieses Symbol der Mutter, die ihr Kind noch im Arm hält um es später –wie ich – verlieren wird, mich berührt und mir Maria nah sein lässt.  Als Kind habe ich sie stets mehr verehrt als Gott oder Jesus.

Es ist kurz vor 19 Uhr und mit uns betritt ein Priester die Kirche, wohl um sie für die Nacht abzuschließen. Wir durchschreiten das Mittelschiff und suchen den Ort, an dem wir Florian eine Kerze anzünden können. Der Priester kommt auf uns zu, spricht uns an ich weiß nicht so recht, weshalb ich ihm erzähle, warum und für wen wir diese Kerzen entzünden.

Er ist schockiert, betroffen, er hat so etwas nicht erwartet. Sichtlich ist er berührt und er drückt unsere Hände und dann fragt er uns, wie lange wir in Dublin verweilen werden und sagt, er wolle gerne für Florian eine Messe lesen. Eine warme Welle von Dankbarkeit durchfließt mich und wie bedauern es, dass wir nur noch einige Stunden hier sein würden.

Nein, es hindert ihn nicht daran, dies Messe für Florian lesen zu wollen – am nächsten Abend um 17.45 Uhr – und er schreibt sich Florians Namen in sein Heft und ich weiß, dass er Wort halten wird – und spontan habe ich den Wunsch, Eimear von dieser Begegnung zu erzählen..
 


 

Wir haben beschlossen, die Nacht in Dublin zu bleiben, unsere Herzen würden uns nicht gefolgt sein, hätten wir die Stadt – wie geplant – verlassen. Im „Clara House“ finden wir ein Zimmer und stellen fest, dass wir zum fünften Mal dort übernachten; ein vertrautes Gefühl und als ich die Schuhe von den müden Füßen streife, trete ich auf etwas kleines, Hartes und schubse es zur Seite – um gleich wieder darauf zu treten. Diesmal bücke ich mich und hebe einen winzigen Stein auf und als ich ihn mir ansehe, erblicke ich ein kleines HERZ!

Fest halte ich es in der Hand und Florian schaut auf dem Foto, das auf dem Nachttisch steht, wissend zu mir herüber: „Welcome in Ireland, Mom“!
 

 

Camphill 21.08.2003

Geliebter Florian, 

ich sitze hier in Astrids kleinem Zimmer, neben mir auf ihrem Schreibtisch Dein Foto, eine Kerze erhellt Dein liebes Gesicht und Deine Augen tauchen tief ein in meine – ich weiß, dass Du in meinem Herzen lesen kannst.

 „Es ist gut, dass du da bist, Mom. Siehst du, wie die specials sich freuen über euren Besuch? – Welcome Florians Mom and Dad – hast du gehört, wie Martin es euch zurief und Liam hielt eine kleine Ansprache an euch und all das Deutsch, das ich ihm beigebracht habe, mischte er unter seine Worte. Mairaid lacht euch zu und winkt, wenn sie euch sieht – und Derek, my little brother, ist er nicht gut geworden?

Ich begleite sie alle und Hanni und dich, liebste Mom von Hier aus diesem anderen Sein und ich bin voller Freude und voller Stolz, wenn ich euch sehe. Ihr bedeutet diesen Menschen hier eine Menge, ihr erinnert sie an mich und sahst du den Schatten auf Clydies Gesicht, als er sagte: „Beewee’s Mummy“ – „Beewee is dead – so sad“.. und es tut mir weh, ihn traurig zu sehen, diese kleine Sekunde lang, aber es ist okay. Sie alle sind besondere Menschen und ihr beiden spürt es, mehr denn je....“

Ja, lieber Florian, Camphill ist so sehr verbunden mit Dir, verbunden mit Erinnerungen, verbunden mit Deinen wunderschönen, lebendigen Briefen.... Ich vermisse Dich hier so sehr. Ich sehe Dich überall, ich höre Dein Lachen hier im Hof, höre Deine Stimme – es schmerzt so sehr hier zu sein – wie es gut tut! Du bist ganz nah, noch näher und greifbarer als zu Hause.

Hier sind tiefe Spuren und sie scheinen unauslöschbar zu sein. Immer wieder sucht Liam den Kontakt zu mir, spricht über Dich, fragt nach Deinem Sterbetag und weshalb Du sterben musstest.... Selbst Kieran fragt nach Dir und versteht nicht, dass Du tot sein sollst.

Du lebst in diesen besonderen Menschen weiter, sie alle tragen etwas von dem, was sie mit Dir erlebt haben in sich und sie vergessen nicht!

Nun nehmen wir Dich mit auf unsere Reise, lassen Dich durch unsere Augen sehen und ich versuchte, trotz all der Trauer, die mich umfängt, offenen Herzens zu sein.

Nur so erreichst Du mich, mein Sohn und nur so kann ich an den Wundern teilhaben, die Du

für uns bereit hältst.

All meine Liebe, Florian

Deine Mom

 


 

28.08.2003 Cleggan

Geliebter Florian,

“Song for Ireland” – dies Lied begleitet uns seit Tagen immer wieder – hier in Connemara.

Dies Lied gehört in diese Landschaft, oder die Landschaft zu diesem Lied.

Ich bin angekommen, mein Sohn, seit wir den Abzweig nach Ballynahinch Castle sahen.

Die Erinnerungen kamen zurück – der tiefblaue See mit der kleinen Insel und der vom Efeu überwucherten Ruine – hier standen wir zusammen mit Dir. Hanni wollte es mir nicht glauben und – wie zum Beweis - stieß ich beim Betreten  der Wiese gegen einen Herzstein:

Welcome in Connemara!

iese Landschaft hier, mein liebster Florian, sie ist die schönste, die ich kenne. Es ist die Landschaft der Seele und sie berührt uns beide tief. Es ist Schönheit des Nichts, es sind Farbspiele über dem Moor, die unvergleichlich sind mit allen Landschaften, die ich kenne.

Und dann fahren wir über Hügel und unter uns liegt das Meer – das Grün reicht bis an seine Ufer, Schafe grasen auf den Klippen, bunte Flecken kennzeichnen die Herden. Sie liegen am Straßenrand, überqueren diese, als gäbe es keine Autos. Ich mag und bewundere ihre Respektlosigkeit gegenüber dem doch erheblich angestiegenen Verkehr. Sie tun so, als sei alles noch wie es einmal war – und doch ist alles anders...

 

„Wild heather“ heißt unser B+B, in das wir heute gezogen sind und Wiesen voller Heide in allen Schattierungen umgeben uns. Unter uns das Meer, blauer als blau, so wie hier die Farben sanfter und intensiver sind als bei uns. Sanfte grüne Berghügel, Inseln draußen im Ozean – Inis Bofin, Inis Turk – es ist ein so wundervoller Blick – und über uns das Blau des Himmels und Wolken und die Sonne scheint, als kümmere es sie nicht, dass hier Irland ist – „summer in Ireland“ – wer hat eigentlich gesagt, dass es in Irland immer regnet.

Keinen Tropfen haben wir bisher erlebt... fast fehlt er uns – Eimears geliebter Regen.

Morgen ist mein Geburtstag, Florian. Zum zweiten mal bin ich in an diesem Tag in  Irland und wenn ich auch den großen und tiefen Schmerz fühle, der diesen Tag nun begleitet, so bin ich doch froh und dankbar, hier sein zu können – in Deinem Land und nirgendwo sonst auf Erden möchte ich sein.

Ich vermisse noch nicht einmal Dein Grab, denn ich spüre Deinen wachen Geist so sehr und deutlicher als zu Hause in Berlin. Deine Zeichen, Florian, sie sind überall, Steine in Form von Herzen, Federn, heute fanden wir Buchstaben im Sand, viele „G“s und ein deutliches „F“

von Strandwürmern für uns von Dir kreiert...Danke angel.
 


 

Manchmal überkommt mich eine so starke Sehnsucht danach, dies alles mit Dir und Hanni teilen zu können und sie brennt und lodert wie ein Feuer in mir. Dann höre ich Dich sagen:

„Enjoy being here Mom. Do not close your eyes and your heart . Look what beauty you can find here in my country and this beauty will heal ease your pain…” und dann kommt die Ruhe zurück und eine tiefe Liebe zu Dir und Dankbarkeit, Hanni an meiner Seite zu haben,

mit dem ich so friedvoll und verbunden leben kann, der meinen Schmerz versteht, manchmal teilt, immer respektiert.

Wir zünden Dir Kerzen an in Kirchen, kleinen Kapellen, wir beide träumen von Dir, erinnern uns an die Tage des Glücks und der Vollkommenheit.

Danke, dass Du bei uns bist, liebster Florian. So lasse ich auch diesen Geburtstag auf mich zukommen. Hier in der Ruhe und Stille wird es leichter sein als im letzten Jahr in Galway.

Du hast mir so viele Geschenke gemacht – ich danke Dir dafür.

Ich liebe Dich aus tiefstem Herzen mein Sohn!

Deine Mom
 

 
Anfangs scheinen die Toten 
Nicht gar so weit entfernt.
Ihre Wiederkehr scheint möglich
So manches inbrünstige Jahr.
Und dann wird, daß wir ihnen folgten,
Mehr als nur wahrscheinlich,
So nah ist die Erinnerung
Jetzt an ihr liebes Bild
Emily Dickinson

 


 


31.08.2003

Unser letzter Tag in Cleggan. 

Wehmut steigt in mir auf – Abschied – und dies Gefühl legt sich wie der heute meist wolkenverhangene Himmel auf mein Gemüt.

Irland verlassen zu müssen fällt schwer. Unser Zimmer hat sich mit Erinnerungsstücken aller Art gefüllt – Heide,  ein großes Stück Torf, das wir Florian für seinen kleinen Garten mitnehmen wollen, Bücher, CDs, Steine und Muscheln. Heute bei einem wundervollen Spaziergang fanden wir eine kleinen perfekte „Insel“ aus Moos in deren Mitte winzige Blümchen stehen – handtellergroß ist diese perfekte Wunderwerk der Natur und so, wie wir Connemara immer wieder als Garten empfinden, den Menschenhand nicht schöner hätte gestalten können.

Unsere Begegnungen mit der Natur hier haben etwas sehr besonderes, intensiveres, ja spirituelles. Uns fehlen selbst oft die Worte und so stehen wir schweigend bei einander, stauend über diese wundervolle Schöpfung.

Die Heide blüht in allen Schattierungen und färbt ganze Hügel und dort auf den Felsen, wo nichts mehr zu wachsen scheint, findet man sie, niedrig blühend, sich an Fels und Boden schmiegend. Moore, soweit das Auge reicht, geschundene Landschaft, abgetragen die Krume, trockengelegt und ausgebeutet, wie braune Brotlaibe aufgeschichtet liegen die Torfhaufen.

Es ist nicht die Schönheit, die wir sonst erwarten. Es ist eine Landschaft voller Narben und Wunden –  eine Melancholie berührt hier unsere Seelen, lässt uns schweigend innehalten. 
 

Im Dorf hängt abends dieser ganz spezielle Geruch des Torffeuers. Im Pub wärmen wir

unsere Hände und Füße am offenen Kamin. Florian hat diesen Geruch geliebt... es ist der Geruch es Herbstes.

Der Herbst hat begonnen und doch ist um uns herum Sommer.

Wir liegen an Strand und genießen die Menschenleere um uns herum. Gestern und heute früh wurden wir vom Regen, der gegen unser Fenster prasselte, geweckt. Grau und tief verhangen der Himmel; doch bevor wir uns auf einen Regentag einrichten konnten, rissen die Wolken auf, gaben immer mehr blaue Flecken frei, die dann in einen makellosen Sommerhimmel mündeten. Irlandwetter!
 

Immer wandere ich auf diesen Stränden,

zwischen Sand und Schaum.

Die Flut wird meine Fußstapfen auslöschen

Und der Wind den Schaum fortblasen.

Aber ds Meer und der Stand werden übrigbleiben.

Ewig.

Khalil Gibran (Sand, 5)

 


29. August 2003

Inis Bofin:

Eine alte Fähre, vollgepackt mit Menschen und Waren bringt uns durch das schäumende Meer zur kleinen Insel. Ich genieße den Wind, der an unseren Haaren reißt, die Sonne auf der Haut, das Schaukeln und Schlingern. Es riecht nach Schiff.
 

Wir schlagen einen kleinen Feldweg ein und wandern über die Hügel der winzigen Insel –von der einen zur anderen Seite. Wir durchqueren Viehweiden, genießen diese endlosen Blicke auf den Antlantik, wir sind am westlichsten Punkt Europas – und die Unendlichkeit des Wassers, von dem wir immer umgeben sind, lässt uns oft ehrfürchtig innehalten.

Ich erinnere mich  an dem Abend, an dem wir nach dem Essen in Clifden die „Sky Road“ fuhren, die sich steil und schmal an dem Berghang entlang windet den Blick oft nur auf den  Abendhimmel freigebend. Dann eine Kurve – und vor uns ein Sonnenuntergang über dem Meer, wie wir ihn nie gesehen haben. Zerklüftete Küstenstreifen, das Wasser, der Himmel in tiefes Rot getaucht, der Sonnenball glühend und so gewaltig, als habe er all seine Farbe und Kraft zum Strahlen in diesen einzigen Moment gelegt.

Ergriffen hielten wir an, im Radio „Song for Ireland“ und selten gab es einen ergreifenderen Moment des Innehaltens, des Einklangs zwischen der Schönheit und Unermesslichkeit der Schöpfung und tiefer innerer Verbundenheit mit Florian, mit diesem Leben, das bei allem Leid und Schmerz Momente wie diesen für uns bereithält.  Ein magischer, unvergesslicher Moment in Irland!

 


Eine andere Tiefe erfüllt uns hier, die Ruhe, die Stille, die dieses Land bietet. Oft sind es nur unsere eigenen Stimmen, die wir hören und den Wind, der uns immer umgibt. „Florian ist im Wind“ sagt man in Irland und gerne wollen wir daran glauben.

Zurück zur Inis Bofin. An einem kleinen, einfachen Haus entdecken wir auf der Fensterbank Herzen aus Stein, sorgsam aufgereiht, Herz an Herz und ich bin neidisch über diese Perfektion, nach der ich ständig auf der Suche bin. Wenig später finden wir am Strand ein großes, schweres Herz und wir beschließen, es mit nach Hause zu nehmen. Der Rest unseres Weges ist beschwerlicher, aber wir tragen abwechselnd und ich trage dieses Herz für Florian und dies macht es leichter.

 

 

5.9.2003 Berlin

Herbst hat uns zu Hause empfangen, kühl und verhangen. „Irlandwetter“ hätten wir früher gesagt, bevor wir es anders erfuhren.

Um mich herum liegen Erinnerungen – aus Koffern an der Grenze zum  Übergewicht mit klopfendem Herzen ausgepackt... Hat die kleine Insel überlebt? Ich habe sie in Blätter gewickelt und in einer kleinen Box im Handgepäck transportiert... Fotos, die wir uns immer wieder ansehen. Am liebsten würde ich alles ausgebreitet vor mir auf dem Tisch liegen lassen.

Spuren aus Irland, Spuren von Tagen voller Magie und Tiefe. Wie können wir das bewahren, hier im Alltag?

Ich tue mich so schwer mit dem Ankommen. Fast ist mir, als müsse ich von Florian wieder einmal Abschied nehmen, dabei weiß ich doch, dass er hier – wie dort – um uns herum ist.

In Irland ist alles näher, intensiver, auch das Gefühl dieser Nähe zu ihm.

Ich habe Florians little garden besucht, fühlte mich fremd dort. Nein, ich will noch nicht ankommen, nicht ankommen in meinem Leben mit Florians Grab - heute noch nicht.

Ich fand ein paar Zeilen auf Astrids Schreibtisch. Vielleicht hatte sie sie für mich

dort hingelegt.

 

May the waters of

Healing soothe your pain.

May the waters of life

Ease your sorrow.

 May the waters of love

Give you hope

 

               

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