17. Oktober 2002. Es ist der
26. Geburtstag von Florian Gérard. In seinem Elternhaus in
Berlin-Köpenick finden sich am Abend viele Freunde und Bekannte ein, es
gibt Wasser, Wein und Pizzabrot. Florians Mutter Gabriele und ihr Mann
Hans-Jürgen haben auf einem hellen Sofa Platz genommen und schauen
zufrieden auf die recht bunte Schar der Gäste, die den Weg zu ihnen
gefunden haben. Nur noch das Geburtstagskind fehlt. Doch Florian wird an
diesem Abend niemanden begrüßen. Er wird niemanden in die Arme nehmen
und niemandem sagen, wie fröhlich er ist. Und sein helles Lachen wird
niemanden anstecken. Denn Florian ist seit über zwei Jahren tot.
Rückblende.
Samstag, 1. Juli 2000. Es war der Hochzeitstag von Gabriele und
Hans-Jürgen, und nach unbeschwerten Stunden kehrten sie erst am späten
Abend in ihr Haus zurück. Das Leuchtsignal ihres Anrufbeantworters
blinkte und hielt 16 Nachrichten bereit. Nachrichten, die das Leben der
Gérards für immer veränderte. Hans-Jürgen rief Eimear, Florians
Freundin, in Dublin an. Weinend sagte sie: „Florian ist tot!“. Der
gerade mal 23-Jährige war wenige Stunden zuvor in seiner Wohnung in
Dublin auf einer Treppe zusammengebrochen und dann in den Armen Eimears
gestorben. Ohne erkennbaren medizinischen Grund, wie die Ärzte später
bestätigen werden: „Wir wissen nicht warum, aber offenbar war seine hier
Zeit abgelaufen“, so der behandelnde Doktor.
Es war diese
Art von Tod, der so hinterhältig daher kam, sich mit keiner Silbe
ankündigte; dieses unvermittelte Hereinbrechen einer Tragödie, die
Gabriele Gérard den Boden unter den Füßen wegriß und sie bis ins Mark
erschütterte: „Der Tod meines Sohnes hat mich in eine andere Umlaufbahn
geschleudert“, sagt sie heute. Zuerst zog sie sich zurück: „Ich kam
nicht mehr zurecht in dieser Welt, und die Ausflüge in das ´normale`
Leben waren für mich eine Qual. Wo immer ich hinging brüllte mir laute
Musik entgegen, das Gesicht der Fun-Gesellschaft war wie eine lachende
Fratze, die mich erschreckte und mich mutlos und sprachlos zurück in
meine Stille flüchten ließ.“
Dann, als
sie endlich die ersten Worte für das Unfaßbare fand, wurde sie zu einer
Botschafterin für Florian. Seine Gedanken sollten ebenso wenig verloren
gehen wie die Erinnerung an ihn. Sie wollte ihm ein Denkmal setzen und
richtete im Internet eine Seite für ihren Sohn ein.
Fotos zeigen dem Betrachter einen
jungen und schönen Mann mit langen Haaren, grau-grünen Augen und einem
gewinnendem, irgendwie kindlichem Lächeln. Gabriele Gérard hat all die
vielen Briefe, die ihr Sohn ihr in den Jahren zuvor aus Irland gesandt
hat, abgeschrieben und die wichtigsten Gedanken ins Netz gestellt.
Trauerarbeit, bei der sie Hans-Jürgen bis heute unterstützt. Er ist
nicht Florians Vater, doch er war, wie Gabriele Gérard es formuliert,
„ein liebevoller und väterlicher Begleiter, auf dessen Wort Florian sehr
viel gab und auf den immer Verlaß war.“
Die
Gedenkseite hatte rasch ihren Sinn erfüllt. Immer wieder bekommen die
beiden Post von Menschen, die ergriffen sind von ihrem Schicksal. Die
Briefe enthalten Gedichte und andere Texte, gutgemeinte Ratschläge,
Literaturtipps und Hinweise auf tröstende Musiktitel wie Herbert
Grönemeyers „Der Weg“: „Kann kaum noch glauben / Gefühle haben sich
gedreht / Ich bin viel zu träge um aufzugeben / Es wäre auch zu früh /
Weil immer was geht...“
Gleichwohl
mag der Auftritt der Homepage manchen Besucher auch irritieren: „Für
meinen Sohn Florian Gérard, geboren am 17.10.1976, vorausgegangen
am 1.7.2000.“ Florian ist für sie also nicht gestorben. Er ist
auch nicht von ihr gegangen. Florian ist vorausgegangen.
Diese schon bei der Wortwahl beginnende Tiefe der Gefühle, mit denen
Gabriele Gérard ihrer Umwelt auch über zwei Jahre nach Florians Tod
konsequent begegnet, machte es manchen Bekannten und Freunden nicht
einfach. Und je mehr Zeit nach dem 1. Juli 2000 verging, um so mehr
wandten sich jene Bekannten und Freunde schließlich ab. Dies, weil man
Gabriele Gérard und ihrem Mann mit Sprüchen wie „Das Leben muß doch
weitergehen!“ nicht erreichen kann, sie damit allenfalls wütend stimmt.
Denn für beide wird das Leben so, wie sie es vor dem 1. Juli 2000 gelebt
haben, niemals weitergehen. Der 1. Juli 2000 ist für sie gar der Beginn
einer neuen Zeitrechnung. Die Mutter zitiert die galizische
Schriftstellerin Mascha Kaléko: „Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht
bang, nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn
sie nicht mehr da sind? (...) Bedenkt, den eigenen Tod den stirbt man
nur, doch mit dem Tod des anderen muß man leben.“ Gabriele Gérard sagt
inzwischen aber auch: „Der Schmerz ist etwas ruhiger geworden, wenn es
auch heftige Rückschläge gibt. Ich spüre aber auch eine Kraft in mir,
von der ich niemals geglaubt habe, sie zu besitzen. Ich kann wieder mehr
Geben und nicht nur Nehmen. Die Trauer ist auch eine Quelle von
Inspiration und Kreativität...“
Wer den Weg durch die Homepage
weitergeht, bekommt rasch einen Eindruck davon, warum Florian in den
Augen der Zurückgelassenen ein so besonderer Mensch gewesen ist. Und
warum seine Mutter heute in ihrer unerschütterlichen Liebe zum einzigen
Sohn düstere Gedanken wie die der Mascha Kaléko bemüht. Am 16. Juni 1997
etwa schrieb Florian: „Das Leben ist für mich einfach so irreal - aber
es ist einfach großartig! Manchmal beneide ich mich wirklich selbst um
diese Chance. Ich sehe sie als riesiges Geschenk an und mir wird immer
wieder einmal bewußt, daß ich auf der Sonnenseite des Lebens geboren
wurde...“. Dieses Geschenk eines Glückes wollte Florian an andere
weitergeben. Bevor er sein Studium der Psychologie in Dublin aufnahm,
lebte er als „Zivi“ in Camphill in einer anthroposophischen
Lebensgemeinschaft behinderter und nicht behinderter Menschen,
organisierte und absolvierte dort Haus- und Feldarbeit und erlebte hier
eine große innere Reifung.
Florian hat
seine letzte Ruhe auf dem „Alten Sankt Matthäus Kirchhof“ in
Berlin-Schöneberg, ganz in der Nähe der vier Gebrüder Grimm, gefunden.
Gabriele Gérard und ihr Sohn haben sieben Jahre gegenüber diesem
Friedhof gewohnt. Besucht haben sie ihn in dieser Zeit nicht ein
einziges Mal. Florians letzte Ruhestätte wird von der Mutter nicht gerne
als Grab bezeichnet.
Sie spricht lieber von einem „little
Garden“. Und da es kein Grab sein soll, gibt es auch keinen Grabstein.
Der mit der Familie befreundete Künstler Egidius Knops installierte eine
Skulptur, die ein Messingsegel und die Takelage eines Bootes andeutet.
Ausdruck der Lieblingsmetapher von Florian: Das Lebensboot. Vor dem „little
Garden“ steht eine Bank, die zum Verbleiben und zur Begegnung einlädt.
Es ist ein ungewöhnlich leichter Ort, und in den Blumen und Pflanzen
sind zahlreiche in Folien eingeschweißte Fotos und Briefe drapiert, die
von der Zuneigung und der Liebe der Besucher des „little Garden“ zeugen.
Im Wind wiegt sich ein kleines Holzkreuz, das ein Unbekannter an das
Segel gehängt hat.
17. Oktober
2002. Es wird gemeinsam gelacht und gemeinsam geweint. Das Haus der
Gérards liegt direkt an der Dahme, und so werden kleine Boote auf das
Wasser gesetzt, die Kerzen und kleine Zettel mit guten Wünschen für
Florian bei sich führen. Fast jeder der Geburtstagsgäste trägt an diesem
Abend etwas zum Gedenken an Florian bei: Gedichte, Liedstücke, Briefe.
Von Eva Cassidy ertönt der „Anniversary Song“, von W. B Yeats „The
stolen child“: „Folge mir, du Menschenkind, wo die Naturgewalten sind,
mit einer Elfe Hand in Hand, denn die Welt ist weit mehr voll Trauer,
als fassen kann dein Verstand.“ Später dann wird einer sagen: „Wenn Gott
Engel braucht, dann holt er sich nur die, die es auch verdienen, ein
Engel zu sein. Es ist schön, einen Freund im Himmel zu haben...“ Und
Gabriele Gérard erwidert milde: „Das ist ein Trost für Dich. Für
mich ist dieser Engel die Quelle von Schmerz und Verzweiflung.“ Und dann
können alle noch einmal lesen, was Florian im Juli 1999 schrieb, als er
nach Dublin ging: „Das Gute ist, daß ich auf meiner Reise nie meinen
Heimathafen vergessen werde und ich weiß, daß ich jederzeit umkehren
kann (...).“ Ein Jahr später nur ist Florian in einem meerblauen Sarg in
seinen Heimathafen zurückgekehrt.
„www.trauer-um-florian.de“ und“
www.memoriam.de/florian“. |